Er gehört zu den internationalen Größen der Klassikszene: Rolando Villazón. Der mexikanische Tenor ist Leiter der Salzburger Mozartwoche und des Konzertprogramms der Stiftung Mozarteum Salzburg, inzwischen auch Buchautor, und Regisseur. Bei den Festspielen Europäische Wochen tritt er am Samstag, 16. Juli, in der Dreiländerhalle Passau mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und Sopranistin Emily Pogorelc auf. Konzertbesucher dürfen sich auf Ouvertüren und Orchesterstücke, Arien und Duette aus Oper und Operette freuen. Im Interview mit der PNP gibt Villazón einen Ausblick.

Herr Villazón, seit 70 Jahren gibt es die Festspiele Europäische Wochen in Passau. Sie waren 2019 in der Region beim Kulturfestival Bad Füssing, aber Passau musste 70 Jahre warten, bis Sie hier singen. Warum hat das so lange gedauert?
Rolando Villazón: Ach, das weiß ich nicht. Wichtig ist, dass wir sehr bald da sind, mit großer Freude und mit einem ganz tollen Programm.Sie haben eine Verbindung zu Passau: Der Geiger und Komponist Florian Willeitner ist Stammgast bei Ihrer Salzburger Mozartwoche – was schätzen Sie an ihm?
Villazón: Ja, er ist ein ganz, ganz talentierter Musiker! Als Geiger wie als Komponist! Wir haben ein paar sehr schöne Projekte zusammen gemacht bei der Mozartwoche, und ich freue mich schon darauf, uns weitere Projekte zusammen auszudenken.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass es nach den Jahren der Pandemie 2023 wieder eine Mozartwoche gibt?
Villazón: Es wird sicher eine Mozartwoche geben – das habe ich dem Publikum versprochen! Außer es gibt eine ganz verrückte Corona-Variante. Die Zahlen sind gerade hoch, es ist schwierig zu proben, weil viele Leute positiv sind, auch als ich “Il barbiere di Siviglia” in Salzburg inszeniert habe. Aber es hat alles gepasst. Wir müssen jetzt wieder Gas geben, damit unsere Kultur nicht stirbt! Ich bin ganz sicher, dass es die Mozartwoche 2023 gibt.Die Festspiele in Passau haben oft davon geträumt, so großartig zu werden wie die in Salzburg. Sie werden in der Mehrzweckhalle mit Mikrofon singen, weil es hier kein Konzerthaus gibt. Wie wichtig ist für Sie die Atmosphäre eines Raums für ein Konzert?
Villazón: Es spielt natürlich eine Rolle, in welchem Raum man singt. In einem kleinen Saal ist es anders als in einer Oper, und es ist wieder anders, ob man in Wien oder Zürich oder in der Metropolitan Opera New York singt. Die Energie und die Stimmung ist immer eine andere, aber als Künstler macht man immer dasselbe: Man gibt genau dieselbe Qualität und dieselben Farben für das Programm, das man singt.Am 16. Juli singen Sie in Passau Arien von Massenet, Verdi, Donizetti, aber auch spanisches Repertoire von Sorozábal und Operettenmelodien: “Dein ist mein ganzes Herz” aus Lehárs “Land des Lächelns” und “Tanzen möchte ich” aus Kálmáns “Csárdásfürstin”.
Villazón: Wir bringen wunderschöne Arien auf Italienisch und Französisch aus meinem Repertoire mit, aber auch Zarzuela-Kompositionen in meiner Muttersprache Spanisch – und wir enden mit Operette. Und wenn die Leute noch mehr möchten – wer weiß, was dann noch passiert!

Sie teilen sich die Bühne mit der US-amerikanischen Sopranistin Emily Pogorelc, die an der Bayerischen Staatsoper München engagiert ist, und singen auch drei, vier Duette zusammen. Warum haben Sie sich für diese Stimme entschieden?
Villazón: Es geht nicht nur um die Stimme, es geht um die ganze Künstlerin! Ich habe sie kennengelernt, als wir zusammen in München Monteverdis Duett Nerone/Poppea gesungen haben. Wir haben angefangen zu proben, und unsere Energie zusammen war absolut fantastisch. Ich habe sie zur Mozartwoche eingeladen, wir haben schon ein Konzert in Luxemburg zusammen gemacht – und ich freue mich, dass sie mit nach Passau kommt. Eine absolut wunderbare Sopranistin.Sie sind künstlerischer Leiter der Salzburger Mozartwoche und des Konzertprogramms der Stiftung Mozarteum, im Herbst gibt es ein Mozartfest zur Wiedereröffnung des Großen Saals der Stiftung. Sie haben eine Frau und zwei Kinder – wann und wie können Sie entspannen?
Villazón: Es gibt eine Zeit für die Familie, eine Zeit, um zu schreiben, eine Zeit, um zu singen, eine Zeit, um künstlerische Leitung auszuüben, und natürlich gibt es auch freie Zeit für mich. Das hat mit guter Planung zu tun. Letztes Wochenende waren wir komplett zu Hause mit der Familie, und im Sommer gibt es natürlich auch freie Wochen für uns. Meine Söhne sind groß, wir können alle reisen und uns hier und dort treffen. Jetzt gerade probe ich Loge für Wagners “Rheingold” an der Berliner Staatsoper – aber Zeit gibt es immer.Wie geht es Ihnen mit der Wagner-Partie?
Villazón: Das macht sehr viel Spaß. Ich wollte diese Rolle seit 2006 singen, und vor drei Jahren habe ich angefangen, sie vorzubereiten. Loge hat so viele Farben und Details, die man finden und herausarbeiten muss – das ist einfach fantastisch.

Wer beruflich so viel mit Musik zu tun hat, singt der noch zum Spaß unter der Dusche, beim Autofahren – oder brauchen Sie viel Stille?
Villazón: Ich singe immer unter der Dusche! Mit dem Auto fahre ich nicht, nur mit der U-Bahn, aber da singe ich nicht (lacht). Aber ich brauche auch die Stille, ich liebe es zu lesen und zu flanieren und nichts zu machen. Ich habe sehr viele Termine, aber dazwischen entscheidet das Herz spontan, wer rauskommt: der Regisseur, der Sänger, der Schriftsteller, der Clown oder der “Möchtegarnichtsmacher”.Es ist bald schon 20 Jahre her, dass Sie als Alfredo in “La Traviata” bei den Salzburger Festspielen als Sänger weltberühmt wurden. Heute sind Sie zudem Kulturmanager, Regisseur und Autor. Haben Sie eine Idee, was Sie in 20 Jahren alles sein werden?
Villazón: Ich hatte vor 20 Jahren keine Idee, was passieren sollte. Und ich habe heute keine Idee, was in 20 Jahren sein wird. Ich bin glücklich, wenn alles so geht, wie es geht. Ich werde die Antworten geben auf die Fragen, die das Leben mir stellt. Und ich werde mich immer dafür entscheiden, wo ich glücklich sein und andere glücklich machen kann.

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